Einschätzung zu Lance Armstrongs Dopinggeständnis

21.01.2013 - Recht

Der ehemalige Radprofi Lance Armstrong hat in einem zweiteiligen Interview vom 16. und 17. Januar 2013 bei der Talkmasterin Oprah Winfrey jahrelangen Dopinggebrauch gestanden. Er hat zugegeben, alle seine sieben Tour de France Siege von 1999 bis 2005 mittels Doping gewonnen zu haben.

Bei jedem seiner sieben Triumphe bei der weltweit bedeutendsten Radrundfahrt habe er unter anderem Erythropoietin (EPO), Blutdoping, Testosteron, Wachstumshormone und Kortikosteroide verwendet. Lance Armstrong hat aber nur einige Tatsachen zugegeben, die bereits seit Oktober 2012 im umfassenden Bericht der US Anti-Doping-Behörde USADA standen. Als Folge ihrer umfassenden Ermittlungen hatte die USADA Lance Armstrong lebenslang für alle sportlichen Wettkämpfe gesperrt.

Er hat sich in den Interviews als jemanden dargestellt, der in die Dopingkultur hineinkam und nichts dagegen tat. Gemäss USADA-Bericht war Lance Armstrong aber ein Athlet, der nicht nur nichts gegen Doping tat, sondern die Dopingkultur aktiv förderte und perfektionierte. Alle Personen, die nur im Geringsten an ihm zweifelten oder ihn des Dopings verdächtigten, hat er knallhart und rücksichtslos mit Klagen und Schadenersatzforderungen eingedeckt.

Aus Sicht von Antidoping Schweiz hat es sich Lance Armstrong mit den Interviews zu einfach gemacht und es verpasst, vollständig über seine Anwendung von Doping und seine Mithelfer zu berichten und insbesondere das gesamte System offenzulegen, welches derartig umfassende Dopingpraktiken überhaupt ermöglichte. Ohne diese Hintergrundinformationen können die richtigen Konsequenzen für einen zukünftigen sauberen Sport nicht gezogen werden. Lance Armstrong hat demnach die ihm gebotene Plattform hauptsächlich dazu benutzt, um sich wieder selber ins Gespräch zu bringen und um wieder derjenige zu sein, der er immer war: «Der Mann, der alles kontrolliert.»

Trotzdem sind positive Ansätze zu erkennen:

  • Es kann ein Sportler noch so erfolgreich und mächtig sein, wenn er dopt, ist er vor Aufdeckung nicht gefeit.
  • Dass sich die Dopingbekämpfung in den letzten zehn Jahren geändert hat. Es sind weltweit unabhängige nationale Anti-Doping Agenturen entstanden, die sportübergreifend, zielgerichtet und unangekündigt kontrollieren.
  • Und die Einführung des biologischen Passes in Ausdauersportarten ist ein grosser Schritt vorwärts.

​Die jahrelang nicht aufgedeckten Dopingpraktiken von Lance Armstrong bedeuten einen grossen Schaden für die Glaubwürdigkeit des Sports. Die nächsten Generationen talentierter Sportler sind die Leidtragenden. Damit sich ein Fall Armstrong nicht wiederholen kann, müsste nun aus unserer Sicht folgendes geschehen:

  1. Die Förderung von sogenannten «Clean Sports» Projekten muss vorangetrieben werden. Bei diesen Projekten geht es darum, junge potentielle Spitzen-Athleten in Ausdauersportarten im Hinblick auf einen grossen, medial prestigeträchtigen Anlass (idealerweise Olympische Spiele) ethisch nachhaltig zu fördern. Sie sollen optimale Trainingsbedingungen, finanzielle Unterstützung für Trainings, Reisen, Wettkämpfe haben, wo notwendig sportwissenschaftliche, sportpsychologische und medizinische Betreuung zur Verfügung haben. Die Leistungsentwicklung wird durch Profile (Leistungs-, Blut- und Steroidprofile) verfolgt. Ziel wäre es somit, unter optimalen Trainings- und Vorbereitungsbedingungen an den Olympischen Spielen bestmögliche Resultate zu erzielen und gleichzeitig belegen zu können, dass die Leistungen sauber und ohne Doping erreicht wurden.
  2. Es wichtig, dass starke und unabhängige nationale Anti-Doping-Agenturen mehr Verantwortung und Bedeutung im weltweiten Kampf gegen Doping erhalten. Diese Agenturen müssen finanziell entsprechend ausgestattet werden.
  3. Die Vormachtstellung internationaler Sportverbände im Bereich der Dopingbekämpfung in der eigenen Sportart und der damit verbundene Zielkonflikt muss durchbrochen werden.
  4. Athleten mit einer Dopingvergangenheit dürfen keine Posten und Ämter im organisierten Sport bekleiden, ausser sie haben vollumfänglich zur Aufklärung ihres Falles beigetragen.
  5. Funktionäre, die Doping in ihrer Sportart ignorieren, tolerieren oder sogar fördern, müssen zum Wohle der Zukunft des Sports und zum Schutz der sauberen Athleten unweigerlich zurücktreten.
  6. Lance Armstrong muss gegenüber einer offiziellen Anti-Doping-Behörde die Namen aller an seinem Dopingprogramm beteiligten und davon wissenden Personen offenlegen. Er soll detailliert beschreiben, mit welchen Mitteln oder sogar Unterstützung er die Dopingkontrollen jahrelang umgehen konnte.

18. Januar 2013

Matthias Kamber
Direktor Antidoping Schweiz

Links zum Fall Lance Armstrong

USADA-Bericht:

Online-Beiträge:

Video- und Audio-Beiträge: